Karl Marx war vielleicht nicht der erste, aber vermutlich der bekannteste Verbreiter der Beobachtung, nach der sich Geschichte zuerst als Tragödie und dann als Farce wiederholt.

Über die Tragödie beim Online-Magazin Telepolis hatte ich bereits hier und hier berichtet. Inzwischen scheint für Telepolis die Zeit der Farce angebrochen zu sein.
Zur Einführung für Spät-Einsteiger in das Thema «Telepolis» empfehle ich den vorgängig verlinkten Wikipedia-Artikel, welcher mir ausreichend neutral zu sein scheint.
Im Zuge von «nine-eleven», der Flüchtlingskrise in 2015, Covid-19 und dem Beginn des Kriegs in der Ukraine verhärtete sich das politische Klima in Deutschland markant. Die Redaktion von Telepolis moderierte das begleitende Forum zunehmend restriktiver, mit willkürlich erscheinenden Kommentarsperrungen (faktisch Löschungen!) und schliesslich auch Accountsperrungen. Das Ziel war offensichtlich: man wollte sich vom «Schmuddelimage» einer Plattform für die Verbreitung von «Verschwörungstheorien» lösen, und sich zu einem «seriösen» Leitmedium(!) mausern. Dazu musste das ehedem sehr kritische und nonkonformistische Publikum im Forum ausgetauscht werden.
Obwohl dieses Etappenziel unbestreitbar erreicht wurde, muss an Verleger Ansgar Heise und Telepolis-Chefredakteur Harald Neuber das Bewusstsein genagt haben, dass die nach wie vor einsehbaren geschichtlichen Wurzeln von Telepolis ausserhalb des Mainstreams dem angestrebten Imagewechsel immer noch im Wege standen.
Und so verfiel man Ende 2024 auf die originelle Idee, die ungeliebte Vergangenheit durch Depublikation des bis dahin auf rund 70’000 Telepolis-Artikel angewachsenen Archivs auszulöschen. Harald Neuber nannte dies eine «Qualitätsoffensive», da seiner Ansicht nach viele der historischen Artikel heutige journalistische Anforderungen nicht mehr erfüllten. Telepolis stellt ihre Sicht der Dinge unter diesem Link dar, natürlich subjektiv.
Nicht alle konnten sich dieser Sichtweise anschliessen. Vorwürfe von Geschichtsklitterung und Zensur machten die Runde. Mich selbst erinnerte das Vorgehen an stalinistische Säuberungen, in deren Folge z.B. in Ungnade gefallene Politiker nachträglich aus Fotos heraus-retuschiert wurden.
Kann man so machen, muss man aber nicht begrüssen.
Unter denjenigen, die derartige Zensur nicht goutierten, war Greta Zieger, welche einen kritischen Artikel zu den Vorgängen rund um Telepolis in der FAZ veröffentlichte.
Nun nahm es Harald Neuber persönlich. In einem Offenen Brief auf Telepolis forderte er den Ressortleiter (Medien, Feuilleton Online) der FAZ, Michael Hanfeld, auf, eine «Richtigstellung» zu veröffentlichen. Ein Ansinnen, welches der Profi unkommentiert an sich abrieseln liess.
Sechs Wochen später legte Neuber nochmals nach, und mahnte erneut die Richtigstellung an. Lustig und vernichtend zugleich ist dieser Kommentar des Forenten «Nummer Eins», welcher Neubers Formulierungsvorschlag einer derarigen Richtigstellung nach Strich und Faden auseinandernahm. Als Absicherung gegenüber erneuten «Qualitätsoffensiven» stelle ich den verlinkten Beitrag auch als Screenshot bereit.
Damit nicht genug: Herr Neuber scheint inzwischen wie wild davon besessen zu sein, dass er alles richtig gemacht hat und lediglich verkannt wird. In einem seiner letzten Artikel als Chefredakteur beschwört er seine Rolle als Gralshüter journalistischer Qualität, und lässt sich dabei von einem mir bis dahin völlig unbekannten Kollegen auf die Schulter klopfen. Kläglich.
Nun hielt es selbst Markus Kompa, einen Rechtsanwalt und von mir hoch respektierten Gastautor aus «alten» Telepolis-Zeiten nicht mehr auf seinem Stuhl: in einem sehr verhalten im Ton, jedoch rasiermesserscharf in der Sache formulierten Kommentar stellt er die Frage in den Raum, ob die behauptete «Qualitätsoffensive» das Internet tatsächlich zu einem besseren Ort gemacht habe?
Auch hier zur Sicherheit gegenüber zukünftigen «Qualitätsoffensiven» der verlinkte Beitrag als Screenshot. Es lohnt sich, ggf. den ein oder anderen in Herrn Kompas Kommentar aufgeführten Link manuell einzutippen, um sich ein eigenes Bild zu machen, auch vom weiterhin «depublizierten» Kommentarbereich (Forum) zu vielen seiner Beiträge.

An dieser Stelle möchte man Herrn Neuber zurufen: «Halten Sie ein! Geben Sie’s auf! Sie sind an einer Aufgabe gescheitert, die tatsächlich unlösbar war. Das ist keine Schande. Die Wut und der Trotz, mit dem Sie darauf bestehen recht gehabt zu haben ist es schon!” Man kann nicht die Ausrichtung einer Marke ändern und ihren Wert weiterverwenden wollen, während man sich gleichzeitig vom den Ruf-begründenden Markenkern – der Duldung von auch noch so fundamentaler Kritik – distanziert. An diesem Problem sind schon Grössere gescheitert, z.B. die Umsatz-milliardenschweren Marken Budweiser Light und Jaguar.
Ich wünsche Herrn Neuber, dass er sich das grausige Ende des im Titelbild illustrierten Rumpelstilzchens erspart, trotz seiner anscheinend vergleichbaren Wut und Enttäuschung:
[es] stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei (Grimm 1980, S. 288)
Die Voraussetzungen dazu erscheinen günstig: Herr Neuber wird zum Ende September 2025 den Stuhl des Chefredakteurs von Telepolis räumen und für seinen Nachfolger Bernd Müller frei machen. Herr Neuber wird ab dem 01. Oktober 2025 bei der Berliner Zeitung seine Brötchen verdienen.
«Wir wünschen Ihm für seine weitere berufliche Zukunft alles Gute!»
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