Stricken digital

Heute werde ich einmal in Ursulas Claim wildern und meinen Ingenieursblick aufs Stricken richten. Bisher war ich überwiegend passiver Beobachter, allenfalls zu niederen Hilfsdiensten wie «Strang halten während die Wolle auf ein Knäuel aufgespult wird» herangezogen.

Die stolze Schöpferin mit Ihrem gelungenen Werk

Dieser begrenzte Blickwinkel hat sich aber in letzter Zeit deutlich erweitert, und mir ist bewusst geworden, wieviel Kopfarbeit im Grunde in dieser Handarbeit steckt. Die Anschaffung der Strick-Maschine (sic!) hatte mich erwarten lassen, daß nun die Hand- und Kopfarbeit weitgehend zurückgedrängt werden würde, vermutlich so wie beim Übergang vom manuellen Waschen oder Spülen zu einer Wasch- oder Spülmaschine – Knopfdruck und fertig. Da war ich aber bodenlos naïv, wie ich inzwischen gelernt habe.

Zeilen und Spalten – die Arbeit in der Matrix

Der erste «digitale» Aspekt beim Stricken liegt bereits in der Organisation des «Werkstücks»: die Maschen des Strickteils liegen in einer regelmäßigen zeilen- und spaltenweisen Anordnung vor. Ganz wie in einer Excel-Tabelle. Oder den Pixeln einer Computergrafik. Jede einzelne Masche ist dabei in einen Verbund mit ihren Nachbarmaschen rechts und links neben sich, sowie den Reihen über und unter sich eingebunden. Es gibt nur komplette Maschen, und keine Bruchteile davon, wie sie z.B. in der Computergrafik durch Antialiasing simuliert werden. Eine besondere Situation kann sich dadurch an den Rändern eines Strickteils ergeben, wo nicht alle vier Nachbarmaschen vorkommen. Da komme ich noch drauf.

Solange man sich auf rechteckige Strickteile beschränkt, fallen die Folgen dieser Erkenntnisse nicht weiter auf. Deshalb sind Schals aller Art als klassische Anfänger-Projekte auch so beliebt: beliebig viele Reihen mit jeweils gleicher Maschenbreite. Und weder die Breite noch die Länge des Schals sind wirklich relevant.

Maschenprobe

Das ändert sich aber, wenn man als Projekt ein Bekleidungsstück in Angriff nimmt, welches am Schluss einer bestimmten Person passen soll. Dann werden auf einmal die Abmessungen relevant. Figurbetonend ohne zu spannen oder Schlabberpulli sind halt zwei unterschiedliche Ergebnisse. Und dann gibt es noch unendlich viele verschiedene Wollsorten, die sich in Struktur, Dicke, Elastizität, Flauschigkeit etc. unterscheiden.

Nun geht es los. Frau sucht (und findet schließlich) ein geeignetes Modell/Muster in den unendlichen Weiten des Internets. Dieses ist typischerweise auf eine bestimmte Konfektionsgröße abgestimmt. Die relevanten Körpermaße wie Schulterweite, Brustumfang, Taille etc. sind in [cm] angegeben, und können anhand der Ergebnisse der Maschenprobe (s.u.) in Anzahl Maschen pro Reihe und Anzahl Reihen umgerechnet werden. Für den Dreisatz, der dabei in Ansatz kommt, bin ich bisher schon regelmäßig als QS-Verantwortlicher in Anspruch genommen worden.

Und so beginnt die Konstrukteurin zunächst mit einer «Maschenprobe»: in einem Probe-Werkstück von z.B. 60 Reihen mit jeweils 60 Maschen wird die Ergiebigkeit der gewählten Kombination aus Wolle und Nadelstärke ermittelt. Als Ergebnis erhält Frau eine Art «Auflösung» in Zeilen- und Spaltenrichtung in der Einheit [Maschen/cm].

Und dann wird es buchstäblich «spannend»!

Beim Stricken von Hand wird von einer routinierten Strickerin idealerweise die Fadenspannung konstant gehalten. Die Maschengröße wird dann alleine über die Verwendung unterschiedlicher Nadelstärken reguliert. Das Bett der Strickmaschine hat aber eine bereits vorgegebene Nadelstärke und einen vorgegebenen Nadelabstand. Hier erfolgt die Anpassung an unterschiedliche Garne alleine über die Variation der Fadenspannung.

Und schliesslich bestehen reale Bekleidungsstücke fast immer aus mehreren Teilen, wie z.B. Vorder- und Rückenteil, sowie Ärmeln. Diese werden einzeln angefertigt und zum Schluss miteinander verbunden.

Aufnehmen und Abnehmen – Ausbruch aus der Matrix

Vor Allem aber sind die zu verbindenden Einzelteile eines größeren Strickprojekts in der Regel nicht rechteckig, sondern zumindest abschnittweise trapezförmig. Daraus ergeben sich unterschiedliche Reihenlängen, d.h.: Maschenzahlen für aufeinanderfolgende Strickreihen. Eine kürzere Reihe folgt auf eine längere, oder umgekehrt.

Hier stellt sich nun das Problem, wie und wo man eine zusätzliche Masche «befestigt», wenn es in der vorherigen, kürzeren! Reihe keine entsprechende Nachbarmasche in der Matrix gibt. Oder wie man eine Masche «los wird», wenn die aktuelle Reihe kürzer werden soll als die vorherige und man die Nachbarschaft zu einer Masche der vorigen Reihe aufkündigen möchte. Das Verlängern einer Strickreihe gegenüber der vorherigen bezeichnet man als «Aufnehmen», das Verkürzen demgegenüber als «Abnehmen». Die entsprechenden Arbeitsschritte folgen unmittelbar aus der Grundregel beim Stricken:

Inne steche, umme schlaa, durre ziehe, abbe laa!

Das ist jetzt schwiizerdütsch und die Kurzanleitung zum Stricken: Einstechen, umschlagen, durchziehen, fallen lassen! Wenn man nun noch berücksichtigt, daß der Arbeitsfortschritt beim Stricken maschenweise erfolgt, und dabei das Werkstück maschenweise von einer Nadel an die andere «übergeben» wird, so erfordert das Aufnehmen oder Abnehmen von Maschen eine Abweichung vom genannten Grundrythmus.

Je dichter derartige Rythmusänderungen in der Nähe der Randmasche erfolgen, umso sichtbar unregelmäßiger und holperiger wirkt der Rand des Strickwerks. Unschön.

Neulich hat Ursula eine mir neue, höchst bemerkenswerte Technik angewandt:

Sie hat nämlich das Abnehmen ganze 18 Maschen weit vom Rand entfernt ins Innere des Strickteils vorverlagert, und konnte so die erforderliche Verkürzung der Reihen mit einem perfekt geradlinigen Randabschluss verbinden. Genial!

Abnehmen weit im Inneren , anstatt am Rand des Strickwerks

Der gewellte linke Rand ist übrigens Folge des Spannens des Strickteils, und hat nichts mit unterschiedlichen Maschenzahlen zu tun. Diese Welle hat sich später von alleine ausgeglichen.

Als Folge des Abnehmens im Inneren des Strickteils ist die Kante des nach innen umgeschlagenen Saums der spitz ausgeschnittenen Strickjacke wunderbar geradlinig:

Die gleiche Technik, allerdings diesmal mit nur zwei Maschen Versatz nach innen, hat Ursula auch beim Ärmel angewendet. Auch hier ist das Resultat eine perfekt geradlinige Naht.

In meinen Augen eine perfekte Naht

Ich bin mir nicht sicher, ob Ursula das als Kompliment ansehen würde: aber für mich steht das Ergebnis in seiner sichtbaren Perfektion einem professionell gefertigten Kleidungsstück in nichts nach. Jedenfalls ist das von mir als Kompliment gemeint.

2 Gedanken zu „Stricken digital“

  1. Hi Chris. Ist das ‚meine‘ Jacke?
    Danke für deinen Blick auf das Stricken… lG und noch einen schönen Sonntagabend. Theres

    1. Theres,
      scharfes Auge 😉
      Ja, es geht tatsächlich um Deine Jacke. Freut mich, daß Du sie wiedererkannt hast.
      Ursula meldet sich morgen bei Dir.
      Liebe Grüße,
      Chris

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