Geht garnicht!

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Neulich habe ich mir im zarten Alter von 62 Jahren nach weit mehr als dreissig Jahren im Berufsleben meine erste fristlose Kündigung eines Arbeitsverhältnisses eingefangen. Und das kam so:

Anfangs 2019 lag ich eines abends auf der Couch, während irgendeine Krimi-Serie im Fernsehen lief, und studierte beiläufig die Job-Angebote in der Umgebung. Meine Aufmerksamkeit blieb hängen an einer Online-Stellenanzeige einer bekannten, international agierenden Baumarkt-Kette. Sie suchten «für den Neuaufbau(!) ihrer Web-Präsenz» einen Mitarbeiter/Mitarbeiterin mit Ausbildung in Kommunikation / Kommunikationswissenschaften, was ich natürlich als Dipl.-Ing. Maschinenbau überhaupt nicht bin.

Aber da ich ein Faible für die Vermittlung von Know-How habe, auf neu-deutsch auch «Know-How Transfer» oder «Technische Dokumentation» genannt, und wegen meiner Bastel-Leidenschaft und damit einhergehenden regelmäßigen Material- und Werkzeug-Käufen eine ausgeprägte Affinität zu Baumärkten habe, war mein Interesse geweckt. Ich steuerte die hilfsbedürftige Webseite an, und fand mit wenigen Klicks einen bunten Strauß von Stilblüten, haarsträubenden sachlichen Fehlern, inhaltlichen Widersprüchen und willkürlich abgeschnittenen Texten.

Also schrieb ich eine selbstbewusst-bis-freche Bewerbung. Tenor:

«Ich sehe, daß Sie ein Problem haben. Dessen Ursache liegt aber nicht dort, wo Sie sie anscheinend vermuten, im kommunikativen Bereich, sondern wesentlich tiefer. Und ich bin derjenige, der Ihnen bei der Lösung helfen kann». Zusammen mit Links auf die zitierten Stilblüten schickte ich diese Bewerbung ab.

Bald wurde ich eingeladen, und der CEO, welcher später zum Vorstellungsgespräch hinzugerufen wurde, erwähnte mir gegenüber, daß er, als ihm mein Dossier auf den Tisch gelegt wurde, zu seinen Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen gesagt habe: «Der Mann traut sich was!». Und, da er von Hause aus Jurist war und dann gesehen habe, daß ich für meine forschen Statements auch die nötigen Belege beigefügt hatte, er zu seinen MitarbeiterInnen gesagt habe: «Der Mann hat recht! Es ist sogar noch schlimmer!»

Das brachte mir die Rolle des Wunschkandidaten ein, und wir wurden uns bald einig. Ich muss diese Vorgeschichte – die Anbahnung des Arbeitsverhältnisses – so detailliert beschreiben, damit man das nun Folgende angemessen einordnen kann.

Zu meinen Aufgaben im neuen Job gehörte die sogenannte Produktveredelung, d.h., die Anreicherung der bisher nur unter kommerziellen Aspekten erfassten Artikel oder Neulistungen im Sortiment des Baumarkts sowohl mit vollständigen, korrekten und widerspruchsfreien technischen Daten, als auch mit einer textlichen Artikelbeschreibung zwecks Präsentation dieser Artikel im Web-Katalog des Baumarkts. Einen Web-Katalog kann man sich ähnlich wie einen Web-Shop vorstellen, lediglich ohne Warenkorb- und Kauf-Funktionalität.

Die Informationen für diese Produktveredelung erhält das PCM-Team (Product Catalog Management), in dem ich fortan angesiedelt war, aufgrund einer strukturierten Anfrage an den Lieferanten, durch Austausch von speziell präparierten Dateien, welche der Lieferant ausgefüllt ans PCM-Team zu retournieren hat. Zu den angefragten Daten gehören unter Anderem auch solche textlicher Art, insbesondere eine Artikelbeschreibung.

Leider sind die von Lieferanten zurückgelieferten Daten von sehr inhomogener Qualität. Es gibt diesbezüglich sehr gute Lieferanten, und andere, die sich entweder sehr schwer tun, oder gleich völlig lustlos und lediglich lückenhaft ihre vertraglich vereinbarte Pflicht erfüllen. Hinzu kommen Baumarkt-eigene, interne Anforderungen an die Textqualität, speziell in Hinblick auf Mindest- und Höchstlänge, sowie deren «Originalität». Mein Arbeitgeber, wie vermutlich jeder Online Anbieter von Waren und Dienstleistungen, legt nämlich Wert darauf, bei Internet-Suchen der Kunden möglichst auf der ersten Seite der Suchergebnisse z.B. von Google platziert zu werden. Hier kommt nun SEO ins Spiel, die Suchmaschinenoptimierung, bzw. die Optimierung von Texten derart, daß sie von Google möglichst hoch gerankt werden, also einen Platz auf der begehrten ersten Seite der Suchergebnisse ergattern.

Die Regeln, nach denen Google die Rang- und Reihenfolge der Suchergebnisse ermittelt, sind Geschäftsgeheimnis von Google, und nicht öffentlich zugänglich. Durch Beobachtung (Reverse Engineering) gilt aber als gesichert, das Google «Duplicate Content»bestraft, also die schlichte Kopie von bereits erfolgreichem Content im Ranking herabstuft. Weiterhin gab (und gibt) es die vermutlich berechtigte Annahme, daß ein Lieferant alle seine Distributoren mit identischen Texten beliefert. Also gab es die interne Vorgabe bei meinem Arbeitgeber, die vom Lieferanten erhaltene Artikelbeschreibung zumindest umzuformulieren, wenn nicht gar gleich völlig neu zu schreiben.

Das ist der zweite Baustein, welcher zum Verständnis des Folgenden wichtig ist.

Eines Tages lag ein Schwung von rund siebzig Artikeln eines Leuchtmittel- und Leuchten-Lieferanten zur Veredelung auf meinem Tisch. Fachlich sind Leuchtmittel mein Spezialgebiet, doch einige der zu vermarktenden Leuchten brachten mich stilistisch an meine Grenzen. Z.B. dieses formschöne Modell:

Was schreibt man Wahrheitsgetreues, Wohlwollendes und Originelles(!) über eine Leuchte, die derart nackt und detailarm ist wie diese, und die, anders als abgebildet, zu allem Überfluss auch noch ohne Leuchtmittel angeboten wird?

Ich habe lange überlegt. Man könnte defensiv agieren, sich quasi entschuldigen dafür, daß diese Leuchte so gar nichts an sich hat, mit der sie überzeugen könnte, ausser ihrem Preis von etwa CHF 35,-, was für Schweizer Verhältnisse das Low-budget Segment markiert. Alt-Zyniker Harald Schmidt hätte vermutlich von einer «Unterschichten-Leuchte» gesprochen. Soweit wollte ich dann doch nicht gehen. Also nochmals genau hingeschaut:

Das schmale Lederbändchen erschien mir wie ein zarter Ansatzpunkt. Bildet es doch nach meinem Empfinden das funktionale Äquivalent eines String-Tangas, und soll die äußerste Entblößung notdürftig kaschieren. Soviel Schamgefühl hatte der «Designer» dieser Leuchte anscheinend dann doch.

Ich entschied mich für ein offensives Vorgehen: die Detail-Armut ist demnach nicht dem Rotstift geschuldet. Dies ist keine Leuchte für finanziell Minderbemittelte, sondern ihr Design folgt einem gewollten Stil und soll Käufer ansprechen, denen es nicht schlicht genug sein kann.

So sah dann meine Artikelbeschreibung aus:

$Name – die Design-Tischleuchte für Puristen! Noch weniger Leuchte wäre fast schon sittenwidrig. Diese Tischleuchte überzeugt mit ihrem konsequent zur Schau gestellten Minimalismus. Ein lichtgrau gepulverter Stahlgalgen, an dem von einem Lederband eine E27 Fassung baumelt. Absolut stilsicher wird sie ohne Leuchtmittel ausgeliefert, damit Sie aus der vollen Auswahl aus dem umfangreichen Sortiment kompatibler E27 Leuchtmittel schöpfen können. Machen Sie die $Name dimmbar, in der Farbe veränderbar, per App oder sogar per Sprachbefehl steuerbar. Komplettieren Sie sich ihre persönliche $Name so, wie es zu Ihren Bedürfnissen passt!

Ich finde diesen Text auch heute noch richtig gut. OK, inzwischen ist mir zwar bewusst geworden, daß ein Jurist beim Lesen des Worts «sittenwidrig» zusammenzucken wird. Das ist eindeutig die Schwachstelle dieses Textes, und ich würde heute ein anderes Wort wählen. Zum Ausdruck bringen wollte ich, daß bei Wegnahme irgendeines Details diese Leuchte vermutlich nicht mehr zur Vermarktung zugelassen worden wäre. Gleich einem Motorrad, an dem man auch nicht z.B. die Blinker oder den Auspuff abmontieren darf ohne die Zulassung zu verlieren. Zweitens habe ich diese Leuchte als neutrale Plattform positioniert, die jeder Kunde nach seinen Bedürfnissen personalisieren kann. Also einen Mangel (kein Leuchtmittel) als gewollten Vorteil (freie Auswahl!) dargestellt. Da bin ich auch heute noch absolut im Reinen mit.

Kommen wir zum schwierigen Kandidaten Nr.2:

Ich glaube, daß es nur wenig Phantasie bedarf, um hier die Ähnlichkeit mit einer Konservendose zu erkennen. Da der Baumarkt keine echten Design-Leuchten mit Preisschildern im vierstelligen Bereich anbietet, und auch die obige Leuchte die CHF 50,- Marke nicht knackt, entschloss ich mich, das große Segment der Heimwerker und Bastler unter den Baumarkt-Kunden bevorzugt anzusprechen. Dies war mein Textvorschlag:

Wir basteln uns eine Design-Tischleuchte aus einer Konservendose: den ausgeschnittenen Deckel nehmen wir als Leuchtenfuss. Zwei Leisten haben Sie sicher noch irgendwo herumliegen, sonst schauen Sie einfach noch bei $Baumarkt vorbei deswegen. Wer zwei linke Hände hat, kann auch die fertig montierte Design-Tischleuchte $Leuchte kaufen. Dann bestehen der Lampenschirm und -Fuss sogar aus aussen schwarz und innen weiss pulverbeschichtetem Stahl. Eine E27 Fassung ist dann auch schon fix und fertig montiert,  und ein Kabelschalter in der Zuleitung ist ebenfalls dabei. Also fast so schön wie selbstgemacht.

Die Auslieferung der $Leuchte erfolgt ohne Leuchtmittel, was Ihnen die volle Auswahl aus dem Sortiment kompatibler Leuchtmittel ermöglicht.

Ich denke, das spricht für sich und bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Schließlich gab es noch den speziell schwierigen Kandidaten Nr. 3:

Als Ingenieur fiel mir hier besonders die überschaubar komplexe Konstruktion auf, die zwar nach meinem Eindruck kaum die initiale Ressourcenverschwendung bei der Produktion dieser Leuchte rechtfertigt, dafür aber in der Zweitverwertung – dem Recycling – Höchstpunktzahl erreicht.

Motto: «Sieht zwar Scheisse aus, lässt sich aber erstklassig entsorgen».

Ohne diese Leuchte in der Hand gehalten zu haben bin ich nämlich überzeugt davon, daß sich diese nach Ende ihrer Lebensdauer unter Einsatz einer üblichen Haushaltsschere sortenrein in die drei Wertstoff-Fraktionen: Metall, Holz (unbehandelt) und Elektroschrott trennen lässt. Das ist das Eine.

Und dann diese neckische Umwicklung des Holzstabs mit dem Kabel: Der Ingenieur in mir sieht: Ein Leiter in mehreren Windungen aufgewickelt – das ist eine Spule! Diese weist eine Induktivität auf, und wenn Strom durch den Leiter fliesst, bildet sich ein Magnetfeld. Der Aufbau des Magnetfelds benötigt Zeit, und begrenzt dadurch den Anstieg der Stromstärke. All das ging mir beim Betrachten dieses Details durch den Kopf. Nur: was zum Teufel hat das in einer Tischleuchte verloren?

Und dann der Drahtkäfig. Sieht aus wie ein Schutz. Nur, wovor soll er schützen? Er hält weder Nässe ab, noch schirmt er Licht ab, und vor Berührung schützt er auch nicht. Selbst ein Schutz vor Erschütterung (Sturz) scheint mir völlig ausgeschlossen. Hier wird also ein Schutz simuliert, der faktisch nicht gegeben ist. Davor sollte man den potenziellen Käufer eigentlich warnen, wenn man seriös vorgeht.

Dieses völlig gedankenlose und sinnfreie Zusammenwürfeln von Versatzstücken, von deren ursprünglichem Zweck der «Designer» dieser Leuchte offensichtlich nicht die geringste Ahnung hatte, erzeugt weder gute Technik, noch gutes Design. Hier liegt ein lupenreiner Fall von Vergartenzwergung sowohl der Technik, als auch des Designs vor.

Diese Überlegungen brachten mich auf den folgenden Text:

Diese Tischleuchte der Serie $Serie überzeugt durch ihre bemerkenswert Ressourcen-schonende Kombination aus Holz und Stahl. Das puristische und geradlinige Design der $Serie wird durch die technisch völlig überflüssige Umwicklung des hölzernen Vierkantstabs mit dem Versorgungskabel wirkungsvoll durchbrochen. Der Drahtschutzkäfig um die E27 Fassung dürfte allerdings ernsthafter Einwirkung von aussen her keinen wirkungsvollen Schutz entgegensetzen. Für Ihren Komfort sorgt immerhin der Kabelschalter. Wird ohne Leuchtmittel ausgeliefert, damit Sie aus dem üppigen Sortiment kompatibler Leuchtmittel schöpfen und so Ihre $Serie nach Ihrem Geschmack personalisieren können.

Es gehört zum regulären Arbeitsablauf im PCM-Team, dem Lieferanten nach Abschluss der Veredelung einen Kontrollauszug dessen zu liefern, was zur Veröffentlichung auf der Webseite gedacht ist. Nach dessen Genehmigung (oder Verstreichenlassen der dazu gesetzten Frist) gilt der Content als genehmigt und wird veröffentlicht. Hier geht es vor Allem um Haftungsfragen, zugesicherte Eigenschaften etc..

Was nun folgte, war sowohl völlig unerwartet wie mit dem Begriff «dramatisch» nur höchst unzureichend beschrieben. Der CEO des Lieferanten persönlich trat einen Ein-Mann-Shitstorm los, wie ich ihn bis dahin noch nicht erlebt hatte. So sah seine email (Auszug) an unsere Einkaufsabteilung aus (Fettdruck und gelbe Hinterlegung stammt vom CEO des Lieferanten, anscheinend war er wirklich sauer):

Hallo $Einkauf

Schau dir bitte diese Texte an welche euer Herr $Autor selbständig erstellt. Das ist eine Sauerei und grenzt an Rufschädigung. Wir haben erst ein paar weinige Texte kontrolliert und dabei diese entdeckt. Wir sind sicher es werden noch mehr auftauchen!! 

Obwohl wir am 05.12.2019 das Gut zu Druck erhalten haben und dies bis am 12.12.2019 bestätigt werden sollen, sind diese Texte bereits online. Auch im Vorfeld gab es schon sehr unschöne Diskussionen mit Herr $Autor und unserem Innendienst. 

Zudem ist es sehr schwach, dass …

(Gekürzt, da sich dieser Teil nicht auf mich, sondern andere, anscheinend aufgestaute Ärgernisse zwischen $Lieferant und $Baumarkt bezieht).

Diese Rufschädigenden Textbausteine sind nicht zulässig und müssen umgehend  vom Netz genommen werden. Gerne möchte ich umgehend mit den Verantwortlichen ein Gespräch führen. 

Gerne hätte ich diesem Geschäftsführer des Lieferanten die folgenden zwei Dinge gesagt, wenn man mir denn Gelegenheit dazu gegeben hätte:

  1. Diese Texte richten sich nicht an den Geschäftsführer des Lieferanten, sondern an Baumarktkunden welche eine Tischleuchte aus dem Low-Budget Segment suchen.
  2. hätte ich ihm die eher rhetorische Frage gestellt, wer denn wohl den Markennamen mehr beschädigt: derjenige, der markenzugehörige Produkte wahrheitsgemäß – wenn auch pointiert – beschreibt, oder derjenige, der derartige Produkte überhaupt erst ins Markensortiment aufnimmt?

Aber dazu kam es natürlich nicht. In Windeseile, jedenfalls nicht länger als Elektronen benötigen, um sich vom $Einkauf zum $CEO hinauf, und dann von dort über $Abteilungsleiterin bis zu mir, $Autor, zurückzubewegen, fand diese email ihren Weg auf meinen Schreibtisch. Und schon stand meine $Abteilungsleiterin neben mir, völlig kopflos, wie immer, wenn es schwierig wurde.

Ich versuchte, sie zu beruhigen. Jawohl, diese Texte sind von mir. Jawohl, die kenne ich, und jawohl, da stehe ich weiterhin zu. Offensichtlich kannte sie nur die Texte aus der email, und nicht die zugehörigen Artikel. Währenddessen steckte der $CEO kurz seinen Kopf durch die Türe und ließ mehrmals ein vernehmliches «Geht gar nicht» verlauten. Offensichtlich kannte auch er lediglich die Texte, aber nicht die zugehörigen Artikel.

Zu diesem Zeitpunkt dämmerte mir erstmalig, daß meine kreativen Texte ein Nachspiel haben würden. Um die nun erwartbare, interne Diskussion zu versachlichen, und um der Fairness eine Chance zu geben, schrieb ich an alle voraussichtlich Beteiligten eine rein informative email, ohne Erklärung oder Rechtfertigung, in der ich lediglich je eine Abbildung der betroffenen Artikel, den vom Lieferanten stammenden Textvorschlag und meinen eigenen Textentwurf gegenüberstellte. Damit sich alle ein Bild davon machen konnten, ob, und falls ja, wieweit ich evtl. daneben gegriffen hätte.

Das interessierte zu diesem Zeitpunkt allerdings niemanden mehr. Knappe zwei Stunden später wurde ich ins Büro des $CEO zitiert, wo mir dieser mündlich, schriftlich und vor zwei beigezogenen Zeugen die fristlose Kündigung erklärte. Ohne vorherige Aussprache darüber, was ich mir denn dabei gedacht habe. Zack-Bumm-Fertig.

Draußen empfing mich bereits ein Kollege der IT-Abteilung, an den ich Büroschlüssel, Mitarbeiterausweis, Notebook und Zubehör gegen Quittung retournierte, und das war es dann. Schon speziell, sowas. Mit 62 Jahren bricht da nicht mehr gleich eine Welt zusammen, denn soviel ändert sich nicht mehr in meinem Leben. Aber ungerecht fand ich das Ganze schon.

Was bleibt?

Der $CEO hat dem CEO des Lieferanten das Menschenopfer gebracht, was er ihm zu schulden glaubte. Das alleine ist schon höchst bemerkenswert: daß Lieferanten ihre Distributoren derart vor sich hertreiben können.

Der $Baumarkt muss fortan auf Lokomotive und Leuchtturm des PCM-Teams verzichten. Denn die Errungenschaften des PCM-Teams, deren sich die $Abteilungsleiterin gegenüber der Geschäftsleitung bis dahin rechtfertigend gerühmt hatte, waren sowohl der Menge als auch der Qualität nach im Wesentlichen auf meinem Schreibtisch produziert worden.

Der Rest des PCM-Teams, die «Girlies», wie ich sie liebevoll zu nennen pflegte, drei junge Frauen um die 25, waren geschockt als sie von meiner Kündigung erfuhren. Meine Prognose für den $CEO:

Aus der Ecke würde ich in den nächsten Jahren weder einen Produktivitätsschub, noch einen Kreativitätsschub, und schon gar keinen Innovationsschub erwarten. Die werden zukünftig Dienst nach Vorschrift machen, brav ihre jeweils 60 bearbeiteten Artikel pro Woche abliefern, ohne einen überprüfbaren Qualitätsanspruch zu erfüllen. Also im Prinzip genau so weitermachen, wie die bereits anfangs 2019 vom $Baumarkt beklagte Ausgangssituation verursacht worden war. Echt eine Schande!

Meine weitere Prognose: Die Welle der Empörung wird nach zwei Tagen vergessen sein. Der $Baumarkt muss aber fortan auf einen äußerst motivierten, sehr qualifizierten und extrem preiswert eingekauften Mitarbeiter verzichten. Ich selbst werde es mit 62 nicht einfach haben, eine neue Stelle zu finden.

Ich nenne das: the worst of all worlds. Für alle Beteiligten.

Der Volksmund hat viele kleine Bezeichnungen für das, was sich hier abgespielt hat:

  • Perlen vor die Säue geworfen
  • Getroffene Hunde bellen
  • Der Fisch stinkt vom Kopf her

Am besten passt meiner Meinung nach noch dieses Arabische Sprichwort:

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd!

Nachtrag:

Eine Woche, nachdem ich per eingeschriebenem Brief meinen Widerspruch gegen die fristlose Kündigung erklärt hatte, erhielt ich – ebenfalls per Einschreiben – eine Aufhebungsvereinbarung, in der die einseitige und fristlose Kündigung in eine einvernehmliche, fristgerechte Auflösung des Arbeitsverhältnisses zum 31.01.2020 umgewandelt wurde. Die Konditionen decken sich zu etwa 95% mit meinem per Einschreiben gemachten Vorschlag zur Güte. Ich habe dem zugestimmt. Über die Details wurde Stillschweigen vereinbart.

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