Der alles überragende Begriff bei meiner neuen Spielwiese, dem Technischen Modellbau, ist der der «Präzision». Die Anwesenheit von (bzw. der Mangel an) Präzision ist m.M.n. das, was guten Modellbau von schlechtem unterscheidet.

Dabei ist Präzision an sich für ein unbewaffnetes Auge kaum sichtbar, bzw. von aussen allenfalls anhand des Zusammenspiels mehrerer Bauteile erkennbar. Präzise gefertigt wurde ein Bauteil dann, wenn es sich möglichst wenig von seiner Planung unterscheidet. Ich setze im Folgenden natürlich eine «perfekte» Planung voraus. Im Technischen Modellbau geht es im Übrigen nicht um die Präzision in einer Einzelteilfertigung, sondern um ein möglichst visuell ansprechendes, funktionierendes Modell einer allgemeinen «Maschine«. Da ich ausgebildeter Maschinenbau-Ingenieur bin, kehre ich mit der Zuwendung zu diesem Hobby quasi zu meinen Wurzeln zurück, den Gründen, weshalb ich vor mehr als 45 Jahren mein Maschinenbaustudium ergriffen hatte. 😎
Hinweis: Wikipedia unterscheidet zwischen «Genauigkeit«, «Richtigkeit» und «Präzision«. Im vorliegenden Artikel möchte ich derartige Haare nicht spalten, obwohl ich deren Relevanz nicht bestreite. Ich verwende den Begriff der «Präzision» im Sinne der Exaktheit einer überwiegend manuellen (im Gegensatz zu: numerisch gesteuerten) Fertigung mit handgeführten Werkzeugen oder Werkzeugmaschinen.
Woran erkennt man ohne Hilfsmittel das Zusammenspiel präzise gefertigter Bauteile?
Hier kommen die folgenden Kriterien ins Spiel:
- Leichtgängigkeit
- Spielfreiheit
- Geradlinigkeit
- Ebenheit
- Parallelität
- Rechtwinkligkeit
- Konzentrizität
- Symmetrie
- glatte, evtl. spiegelnde und fleckenfreie Bauteiloberflächen
- etc.
Umgekehrt manifestiert sich ein Mangel an Präzision in den jeweiligen Gegenspielern zu den obigen Begriffen:
- Schwergängigkeit, bzw. Klemmen
- sichtbares oder sogar hörbares(!) Spiel (klappern), Spalten variabler Breite
- krumme bzw. ungewollt gebogene Linien, Kanten oder Wellen
- Welligkeit, Wölbung, Mulden
- «Windschiefe«
- Schiefwinkligkeit
- Exzentrizität, a.k.a. «eiern» (sofern nicht funktional beabsichtigt)
- Asymmetrie
- Taumeln
- sichtbare Kratzer, Riefen, Lotspuren neben der Lotnaht etc.
- etc.
So hätten wir’s natürlich gerne: Präzision (Perfektion!) wie sie nur ein Computer-generiertes Rendering liefern kann:

Objektiv lässt sich Präzision messen und ihre Qualität bewerten. Dies trifft unmittelbar für Längen, Durchmesser, Abstände, Winkel etc. zu. Im Zusammenspiel mindestens zweier Bauteile lassen sich dann auch Spiele oder Lagefehler messen. Dies alles wird bei der Konstruktion und in der Fertigung durch den Begriff der Toleranzen umfasst. Klar ist: in der realen Welt ist echte Perfektion unmöglich zu erreichen. Aber man kann sich ihr bei entsprechendem Aufwand fast beliebig annähern. Die entscheidende Frage, auch für den Hobby-Modellbauer, lautet dabei: wie präzise ist präzise genug?
Das werden die Fragestellungen sein, denen ich mich in dieser Kategorie widmen werde. Und besonders spannend und ergiebig werden die Fälle sein, in denen ein vorangegangener Mangel an Präzision in der Herstellung eines Bauteils entweder in einem Desaster endete, oder zu einem Trick führte, mit dem ein derartiges fertigungstechnisches Desaster dann doch noch in ein optisch und funktional ansprechendes Ergebnis «gerettet» werden konnte. Ich hier bereits einschlägige Erfahrung gesammelt …