Bremsbeläge beim E-MTB

Als ich neulich mit meinem E-Bike den Julierpass mit >70 km/h hinunter sauste, meldete sich von ganz weit hinten im Hinterkopf ein kleines Teufelchen und fragte mich, ob denn die Bremsen vor der nächsten Kehre wohl mitspielen würden?

Bremse nach rund 1’100 km Fahrleistung, hier bereits mit OEM-Belägen

Mir wurde in dem Moment schlagartig bewusst, daß ich bis dahin, nach inzwischen guten 1’100 km Fahrleistung, ausser Luftdruck prüfen/justieren, Kette ölen und Akku aufladen meinem Bike NULL technisch motivierte Aufmerksamkeit gewidmet hatte.

Die Bremse hat übrigens gehalten, sonst könnte ich jetzt nicht darüber schreiben. Heute habe ich mir dann einmal einen Blick in den Spalt in den Bremssätteln gegönnt und war doch einigermaßen erschrocken: die Bremsbeläge vorne schienen nahezu blank zu sein. Also erst einmal das Internet angeworfen und geschaut, was für eine Bremse ich denn überhaupt verbaut habe, an meinem TREK Rail 9.8 aus 2020: es sind vorne und hinten jeweils Shimano SLX M7120 Vierkolbenbremszangen mit je einer SM-RT76 Bremsscheibe mit 203 mm Durchmesser verbaut.

Als Ersatz für die erkennbar verschlissenen Bremsbeläge kommen neben diversen OEM-Produkten insbesondere die zu meiner Bremsanlage kompatiblen Original Shimano N03A mit organischen Belägen auf Kunstharzbasis, oder die Sintermetallbeläge N04C in Frage:

Auffallend ist bei beiden Varianten die mit «Kühlrippen» versehene Verlängerung der Bremsbelagträgerplatten über die Reibbelagfläche hinaus – ich komme noch darauf zurück.

An der Stelle muss ich zugeben, daß ich alleine aufgrund des «Bling-Bling»-Faktors zu den Sintermetallbelägen tendiert habe, wobei sicher auch eine Rolle gespielt hat, das unter Ducati-Fahrern Sintermetallbeläge als quasi Voraussetzung für aggressive Bremsmanöver gelten. Immerhin halte ich mit inzwischen > 27’000 km auf meiner Monster (und immer noch Erstausrüstung an Bremsbelägen) schon seit mehreren Jahren noch nicht montierte Sintermetall-Bremsbeläge für deren Brembo-Bremszangen im Vorrat, ohne deren angeblich überlegene Wirkung aus eigener Erfahrung beurteilen zu können.

Also bin ich auf zum Bike-Händler meines Vertrauens, um Ersatz-Bremsbeläge für meine Shimano SLX Bremsen zu kaufen, und zwar die originalen N04C (Sintermetall) von Shimano – so der Plan.

Da war ich dann doch sehr enttäuscht, daß mir vor Ort schnöde OEM-Bremsbeläge von Tektro empfohlen wurden – völlig ohne silbrig glänzende Oberflächen, und auch völlig ohne Kühlrippen. Bling-Blink-Faktor gleich Null. Immerhin sind die vorgeschlagenen Q10YS semi-metallisch, und sollen angeblich die Vorteile von organischen und gesinterten Belägen kombinieren (Verschleiss- und Geräuscharmut).

Klassischer geht es nicht …

Da habe ich lange mit mir gehadert, und erst die Zusage, daß ich bei Nichtgefallen auch gebrauchte Artikel umtauschen könne, hat dann den Ausschlag zum Kaufentscheid gegeben. Der Preis von CHF 26.- war ebenfalls kein Hindernis. Und ausserdem hatte ich mich selbst innerlich zur Ordnung gerufen, denn immerhin bin ich hier im Blog angetreten, um gerade nicht auf Bling-Bling hereinzufallen und statt dessen mess-, zähl- und erfahrbaren innere Werten den Vorzug zu geben.

Also wieder ab nach Hause, die alten Beläge ausgebaut – zunächst nur vorne. So sehen die aus, nach guten 1’100 km Fahrleistung:

Die alten Bremsbeläge mit 1’100km Fahrleistung

Auffallend ist der metallisch-silbrige Streifen auf der Reibfläche des (in Fahrtrichtung) linken Belags, im Foto oben rechts. Das sieht zunächst nach einer Beschädigung der Bremsscheibe aus, jedoch ist der Belag an keiner Stelle auf Null abgefahren (Diese Aussage musste ich übrigens im verlinkten Folgebeitrag korrigieren). Die minimale Belagstärke im Grund der silbrig verfärbten «Rille» des linken Belags habe ich zu 0.39 mm gemessen – damit ist die von Shimano angegebene Verscheissgrenze von 0.5 mm lokal bereits unterschritten. Am Innenradius des Belags betrug die Belagstärke nur noch 0.4 mm, am Aussenradius sogar noch 0.8 mm. Neue Beläge bringen es auf insgesamt 4.0 mm Stärke, bei einer Dicke der Trägerplatte von 1.5 mm und einer Belagdicke von 2.5 mm. Auch die Bremsscheibe weist auf der (in Fahrtrichtung) linken Seite keine sichtbare mechanische Beschädigung auf, wenn man von einer sichtbaren Verfärbung am inneren Radius und einer mit dem Fingernagel spürbaren «Stufe» absieht. Die minimale Bremsscheibendicke habe ich mit der Mikrometerschraube zu 1.54 mm gemessen – die muss also auch ersetzt werden da ebenfalls hart an der Verschleisgrenze. Ersatz ist bereits bestellt.

Das auffällige Tragbild des Belags bleibt allerdings rätselhaft. Vielleicht war ein Fremdkörper zwischen Belag und Scheibe geraten?

Um die neuen Beläge zu montieren, musste ich die Bremskolben in ihre Ausgangslage zurückdrücken. In Ermangelung eines geeigneten Werkzeugs habe ich dies mit Hilfe der alten Beläge und eines dazwischen plazierten breiten Schlitzschraubendrehers gemacht, obwohl genau davon in diversen Anleitungen abgeraten wird. Die Bremskolben sind nämlich aus Keramik und könnten splittern. Ist aber in meinem Fall gut gegangen.

Blieb noch das obligatorische Einfahren der neuen Bremsbeläge. Dafür bin ich ab Haustür zum Gasthaus Leimensteig hinaufgefahren (ca. 250 Höhenmeter), und habe die Bergabfahrt zum Einfahren genutzt. An der Stelle kann ich festhalten, das die Vorderradbremse auch nach dem Belagwechsel genauso verzögert wie ich das gewohnt bin. Ich konnte jedenfalls keinen negativen Effekt der fehlenden Kühlrippen feststellen. Vielleicht sind die doch nur Eye-Candy, bzw. Bling-Bling? Oder ich fahre nicht dicht genug an Fading-Grenzbereichen, um derartige Feinheiten zu registrieren?

Noch ein Wort zu den Kühlrippen der original verbauten Shimano N03A Bremsbeläge: diese sind ein Baustein der von Shimano «Ice Technologies» genannten Optimierung aller Bremskomponenten mit dem Ziel der verbesserten Wärmeabfuhr. Diese soll das Einsetzen des «Fadings» möglichst weit hinausschieben. Angeblich kann durch Verwendung aller zu «Ice Technologies» gehörenden Komponenten (Bremscheibe, Bremsbeläge, Bremsleitung(!) und Bremskolben) die Temperatur der Bremsanlage von über 400° C gegenüber herkömmlichen Komponenten um mehr 100° C abgesenkt werden.

Ich habe zwar die wärmeabgebende Oberfläche des Kreisrings der Bremsscheibe zu rund 160 cm2 ermittelt, und die zusätzliche Fläche der Kühlrippen zu doch beachtlichen ca. 30 cm2 (zwei Beläge mit jeweils Vorder- und Rückseite).

Die behauptete Wirkung, auch wenn ich die verwendeten Effekte (Wärmeleitung, Wärmeabstrahlung) nicht grundsätzlich bestreite, kommt mir dennoch arg hoch gegriffen vor. Leider fehlt mir das physikalische Rüstzeug, dem hier detailliert auf den Zahn zu fühlen, weshalb mir an dieser Stelle nur ein ohnmächtiger Zweifel bleibt.

Als persönliches Fazit bleibt mir die Erkenntnis, daß MTB wesentlich kürzere Wartungsintervalle aufweisen als ich dies von meinen Töff gewohnt bin, und ich an meinem E-MTB zukünftig deutlich engermaschig nach dem Rechten schauen werde.

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