Septimerpass mit dem E-Bike

Inzwischen habe ich mein E-Bike schon über ein Jahr, und erst jetzt habe ich eine Tour absolviert, von der ich annehme, daß sich auch Andere dafür interessieren könnten: die Überquerung des Septimerpasses mit dem E-Bike.

Ankündigung des Septimerpasses am Ortseingang von Bivio, GR

Der bereits seit dem 9. Jahrhundert verzeichnete Ortsname «Bivio» im Oberhalbstein (Surses) GB deutet auf eine Weggabelung hin, hier zwischen dem Julierpass ins Engadin und dem Septimerpass ins Bergell.

Ursula hatte mit Xändi eine Woche Trail-Ferien in Graubünden gebucht, mit Basislager in Savognin. Da stellte sich für mich natürlich die Frage, was ich denn währenddessen unternehmen könnte. Graubünden gilt (vermutlich nicht zu Unrecht) als Mekka der MTB-Begeisterten über die Schweiz hinaus. Ein Blick in die MTB-Karte von Schweizmobil.ch zeigte, das Savognin direkt auf der Schweizer MTB-Route mit der verpflichtenden Nummer 1 liegt. Ich entschied mich, aus rein pragmatischen Gründen (meine Gästekarte erlaubte die kostenlose Nutzung des ÖV bis und mit Julierpass), die Etappe 4 (St. Moritz – Bivio) dieser Route in Angriff zu nehmen, allerdings in umgekehrter Richtung, mit Start in Bivio:

Bildquelle: schweizmobil.ch

Die Tourbeschreibung auf Schweizmobil vermerkt vielsagend:

Vom Val Bregaglia führt ein alter Saumweg über den Septimerpass und verlangt selbst besten Bikern alles ab. Tragepassagen sind hier unausweichlich.

Schweizmobil.ch

Nicht daß ich mich für einen der besten Biker halte, aber das klang doch nach einer schönen Herausforderung. Mein Plan für die Rückfahrt sah vor, ab St. Moritz dann den ÖV bis mindestens Julierpasshöhe zu nutzen, und von dort bis Savognin mit Schwerkraftunterstützung bergab zu rollen/sausen.

Vor der E-Bike-Fahrt musste ich allerdings die Hürde des E-Bike-Transports mit dem PostAuto nehmen. In Graubünden haben diese regelmäßig einen Bike-Träger am Heck, bei dem man das Vorderrad oben einhängt und das Hinterrad in einer Art von Bürstenführung fixiert. Daran wäre ich fast schon gescheitert: 24 kg Bike inkl. fettem Schloss und Beleuchtung ohne Helfer in die Höhe zu wuchten fällt mir nach einer Schulterverletzung vor guten 30 Jahren (Snowboardunfall) schwer. Leider waren die beiden tieferen Aussenplätze bereits belegt, so daß ich auf den höchsten Mittelplatz ausweichen musste.

Veloträger am Heck vom PostAuto

Hab’s dann mit Würgen doch irgendwie hingekriegt. Oben in «Bivio Posta», auf 1’770 m.ü.M., dann die nächste Ernüchterung: ich hatte im überhasteten Aufbruch vom Hotel das Ladegerät für meinen E-Bike-Akku vergessen. Damit platzte der Plan, an einem der Oberengadiner Seen bei einer ausführlichen Rast und einem kühlen Getränk den Akku nachladen zu können, wenn ich mir denn vorher auf Septimer- und Malojapass eine großzügige Elektro-Unterstützung gegönnt hätte.

Start ab PostAuto-Haltestelle «Bivio Posta»

Nun war vom Start weg Energie-Sparen angesagt und mehr Eigenleistung gefordert.

Der Abzweig zum Septimerpass am Ortsausgang von Bivio war nicht zu verfehlen. Eine breite Fahrstrasse, zunächst asphaltiert, dann Naturbelag führte mit angenehm gleichmäßiger Steigung gen Septimerpass. Zwischendurch passierte ich eine Hochebene, die mich mit ihren mäandrierenden Bächlein und sumpfigen und Wollgras-bestandenen Uferzonen stark an die Greina-Hochebene erinnerte.

Hochebene zwischen Bivio und Septimer-Passhöhe

Bei etwa 2’200 m.ü.M. war der erste Strich auf der fünfteiligen Balkenanzeige der verbleibenden Akkukapazität verbraucht.

Kurz darauf war die Passhöhe erreicht. Ich staunte nicht schlecht dort, auf über 2’300 m.ü.M. noch Kühe anzutreffen, während bei uns in Appenzell Innerrhoden schon ab Mitte August an den Alpabtrieb gedacht wird. Während ich noch nach einer passenden Position für das obligatorische Selfie suchte, mit mir, der Wegmarke und gerne ein paar Kühen im Hintergrund …

Ankunft auf dem Septimerpass, 2’310 m.ü.M.

… scharten sich die «Groupies» bereits um mein Bike. Ein besonders freches und respektloses Exemplar hatte sogar damit angefangen, das grobe Profil meines Vorderrads als Kratzbürste zweck-zu-entfremden.

Ein wenig mehr Respekt, bitte!!

Da musste ich dann doch einschreiten, damit der Carbon-Rahmen meines Bikes beim absehbaren Umfaller nicht auf die Steine geknallt wäre. Weiter gings durch nunmehr deutlich rustikaleres Terrain. Die bisherige Fahrspur verlor sich bald in einem Single Trail, und gelegentlich konnte man Spuren der ursprünglichen gepflasterten Römerstrasse erahnen.

Eine offensichtlich erst jüngst restaurierte/wiederhergestellte Brücke in Single-Trail Breite

Der Trail wurde nun markant ruppiger. Mit Natursteinpflaster befestigte Abschnitte waren oft nur wenig ebener als die unbefestigte Wildnis.

In den 1990ern restauriertes Teilstück der gepflasterten Römerstrasse

Es folgten diverse Bach-Überquerungen, Geröllfeldquerungen sowie (für mein Fahrkönnen) sehr anspruchsvolle Spitzkehren in steilem Gelände. Insofern bin ich mit der eingangs erwähnten Klassifizierung von Schweizmobil.ch völlig im Reinen:

… verlangt selbst besten Bikern alles ab. Tragepassagen sind hier unausweichlich.

schweizmobil.ch

Allen evtl. Nachahmern kann ich allerdings wärmstens empfehlen, die «unausweichlichen Trage- bzw. Schiebepassagen» so wie ich – bergab, also mit Schwerkraftunterstützung, anstatt bergauf, mit Schwerkraftbehinderung – zu bewältigen. Also: die Etappe von Bivio in Richtung Casaccio zu unternehmen.

Wenn man sich traut, ist eine Querung auch ohne Fußkontakt mit dem Boden bei diesem Wasserstand im Grunde nicht schwierig.
Eine der besser fahrbaren Geröllfeldquerungen

Allmählich geriet die Zivilisation in Form eines Naturbelag-Fahrwegs wieder in Sichtweite, und exakt bei der Einmündung des Single Trails, bei etwa 1’800 m.ü.M., hatte jemand passenderweise ein Selbstbedienungs-Kiosk installiert: eine Mörtelwanne aus dem Baumarkt, mit kaltem Bachwasser gefüllt, in der die Getränkeflaschen schön kühl gehalten wurden. Als «Chässeli» war ein Marmeladenglas mit Schraubverschluss mit einer Drahtschlaufe montiert. Schön, daß so etwas in der Schweiz einfach funktioniert! CHF 5.00 für einen halben Liter Radler (Ehrensache!) fand ich in der Situation jedenfalls völlig angemessen.

Schönes Willkommen im Bergell, in Reichweite der Zivilisation

Um Höhe, und damit Akkukapazität zu sparen, liess ich Casaccia rechts liegen und folgte den Wald- und Wiesenwegen bis zur Ruine der Kirche San Gaudenzio, …

… wo ich bei etwa 1’520 m.ü.M. auf das untere Ende der Maloja-Passstrasse traf. Dieser folgte ich auf Asphalt bis aufs Niveau der Oberengadiner Seen mit rund 1’800 m.ü.M.. Der Kontrast zur kargen Passlandschaft war umwerfend:

Blick vom Ortsrand von Maloja ins Engadin – in der Bildmitte der Silsersee

Wenn ich mich richtig erinnere, waren im Display meines E-Bikes an dieser Stelle immer noch drei von fünf Balken verbleibender Akku-Kapazität sichtbar. Und so fasste ich den Entschluss, mit weiterhin Akku-schonender Fahrweise den Julierpass auf eigener Achse zu überqueren und auf einen weiteren PostAuto-Transport zu verzichten. Abweichend von der Routenführung der MTB-Route 1 (auf Schweizmobil) wählte ich, soweit möglich, ufernahe Wege die ich mir mit zahlreichen Spaziergängern, Wanderern und anderen Bikern teilen musste. Aber bei rücksichtsvoller Fahrweise, inklusive Anhalten meinerseits um Wanderern an Engstellen den Vortritt zu lassen, war das überhaupt kein Problem und stiess überall auf Wohlwollen. In Höhe von Silvaplana wechselte ich von der Südost- auf die Nordwestseite der Seen, um die Rampe des Julierpasses in Angriff zu nehmen.

Inzwischen war die Kapazitätsanzeige im Display auf zwei Balken geschrumpft.

Da ich von Silvaplana bis zur Julier-Passhöhe nur rund 450 Höhenmeter zu bewältigen hatte, sollte das immer noch ausreichen. Und so döste ich relativ gemächlich die Passstrasse hoch, als von hinten ein Bio-Biker auf mich auflief und an mir vorbei zog.

Unterwegs auf der Engadiner Seite des Julierpasses

Da habe ich mich dann motivieren lassen, mit erhöhtem Einsatz eigener Muskelarbeit noch eine Weile an ihm dran zu bleiben. Aber als ein flacherer Abschnitt erreicht war und der Bio-Biker das Tempo auf mehr als 25 km/h erhöhen konnte, musste ich ihn ziehen lassen.

Bereits in Sichtweite des Julierturms verschwand dann auch noch der vorletzte Balken aus dem Display. Aber nun wusste ich, daß ich ohne ÖV wieder das Hotel in Savognin erreichen würde.

Die Abfahrt nach Bivio verlief rasant – zwischenzeitlich hatte ich trotz heftigen Gegenwinds 70+ km/h auf dem Tacho. Ich glaube, gelegentlich hatten auch die äusseren Reihen der Profilblöcke meiner Reifen Asphaltkontakt.

Hier nun die gesamte Tour und deren Eckdaten:

  • 65 km Distanz
  • 1’740 m Aufstieg,
  • 2’300 m Abstieg

Klicken für eine zoombare Kartenansicht

Der Akku hat übrigens bis zum Schluss durchgehalten – ich konnte mir sogar auf den letzten Kilometern noch «Turbo»-Unterstützung gönnen, um einsetzendem Nieselregen zu entkommen.

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