Nun ist sie endlich da – ich konnte sie heute morgen vom Händler in Schmerikon zu mir nach Hause überführen: meine funkelnagelneue BMW R12 nineT Modell 2026 in Imperial Blau.

Meine Trennung von meiner bisherigen Lebensabschnittsgefährtin Ducati Monster 1200S hatte ich bereits im vorigen Beitrag thematisiert.
Warum der Wechsel?
Die Frage drängt sich auf: warum? und warum jetzt? Die Antwort ist zweiteilig. Es gab «Push»-Faktoren von der Monster weg und «Pull»-Faktoren zur R12 nineT hin.
Push-Faktor
Der «Push»-Faktor von der Monster weg ist für mich ganz eindeutig ihre enorme und nicht mehr zeitgemässe Lautstärke mit einem homologierten Standgeräusch des Klappen(!)auspuffs von 103 dB(A). Der Experte bei der MFK in Appenzell runzelte in der vergangenen Woche zwar die Stirn, aber da sich alles im Serienzustand befindet, konnte er nichts machen – es gilt Bestandsschutz für Fahrzeuge, die die Anforderungen zum Zeitpunkt ihrer ersten Inverkehrsetzung weiterhin erfüllen. Zehn Jahre sind in dieser Hinsicht eine lange Zeit …
Die Lautstärke der Monster war mir von Anfang an ein Dorn im Ohr, aber anfangs war das einfach Standard. Als nur ein Jahr später (2017) Euro 4 Pflicht wurde, konnte (bzw. wollte) ich mir nicht den Wertverlust beim Verkauf eines nur ein Jahr alten Bikes ans Bein binden, sowie den Aufpreis für ein erneutes Neufahrzeug. So habe ich mir über die Jahre dann einen ausgesprochen niedertourigen Fahrstil angewöhnt, um die Lärmentwicklung wenigstens auf diese Art etwas im Zaum zu halten. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich dann auch keinen Töff brauche, welcher seine Maximalleistung von 101 kW (137 PS) erst bei 8570 U/min erreicht.
Im Frühjahr dieses Jahres hatte ich ihm noch eine Grosse Inspektion mit Zahnriemenwechsel und Kontrolle/Einstellung der Ventilspiele beim Ducati Vertragshändler spendiert (> Fr. 2000.-) mit der Vorgabe, die Ventilspiele bitte möglichst knapp einzustellen, um wenigstens die mechanischen Geräusche etwas zurückzudrängen. Die Hoffnung erwies sich leider als trügerisch …
Pull-Faktoren
Und dann begegnete ich IHR 🥰: ich war mit meinem E-MTB auf die Schwägalp gefahren, u.a. ein sehr beliebter und bei entsprechendem Wetter stark frequentierter Töff Treffpunkt. Mein Blick blieb an einer BMW R12 S hängen. Zwar in einem grauenhaften (serienmässigen) Orange lackiert und mit einer ebenso scheusslischen Lenkerverkleidung versehen, aber doch mit den wesentlichen Attributen einer klassischen «Vintage» Strassenmaschine mit moderner Technik ausgestattet:
- Speichenräder
- Rundinstrumente
- Doppelscheibenbremse vorne (Brembo)
- Voll-einstellbare Upside-down Gabel (Marzocchi)
- Einarmschwinge
- Luftgekühlter Zweizylinder mit 1200 cm3 Hubraum
Fast hätte man sagen können: wie eine SR 500, nur mit moderner Technik ausgestattet und mehr als doppelt so grossem Hubraum und Leistung.
Ich malte mir aus, wie ich die Lenkerverkleidung abmontieren und sie «blau» umlackieren lassen würde. Zu Hause habe ich dann im Internet recherchiert. Tatsächlich wird dieser Typ seit Baujahr 2026 ab Werk auch in «Imperialblau» angeboten – Bingo, als R12 nineT!
Auf Motoscout24.ch fand ich nur ein einziges Angebot einer imperialblauen Neumaschine in Schmerikon am Zürisee. Ursula zeigte sich erstaunlich tolerant gegenüber meinem Wechselwunsch. Immerhin verpulvere ich ja hier nur mein eigenes schmales Vermögen. Aber dass sie der Monster nachtrauern würde war ganz offensichtlich. Schliesslich hatten wir zu dritt (Monster, Ursula und ich) in 2016 die Grand Tour of Switzerland über 12 Tage und rund 6000 km gemeinsam unter die Räder genommen und Ecken entdeckt, die sie (Ursula, als gebürtige Schweizerin!) zuvor noch nie gesehen hatte …
Und dann ging alles ganz schnell: Probefahrt vereinbart, wobei mir eine sehr ausführliche und aussagekräftige Teststrecke von Schmerikon bis aufs Sattelegg und zurück bewilligt wurde. Danach war ich vollends hin und weg 😍
Zwei Tage später habe ich um die Zusendung des Kaufvertrags gebeten. Es gab dann aber doch noch einen kleinen Schreckmoment:
ConnectedRide – Nein Danke!
Als der Vertrag bei mir eintraf dachte ich, mich trifft der Schlag! Geschlagene dreissig (30!) Seiten lang, davon lediglich fünf Seiten den Töff betreffend und 25(!) Seiten zu diversen «digital services», die BMW mir anhängen wollte. Darunter so «unverzichtbare» Vorteile wie Fernabfrage der Batteriespannung und der Bremsbelagstärke, sowie regelmässige Übermittlung diverser Tour-Parameter wie Fahrzeugposition etc. an Server von BMW. Ich frage mich, wie ich bisher fast 50 Jahre auf motorisierten Zweirädern überleben konnte OHNE derart unverzichtbare Aufpasser?!!!
GEHT’S NOCH?!!!
Ich kaufe mir ganz sicher kein 20 kFr. NAKED bike, um mich dann an eine digitale Nabelschnur legen zu lassen die jede Aktion von mir überwacht und abspeichert. BWM legt in ihren AGB lang und breit dar, welche Daten erhoben werden, wofür sie verarbeitet werden und an wen sie ggf. weitergegeben werden. Darunter dann auch der Hinweis, dass sie «gesetzlichen Anforderungen» zum Herausrücken von Daten selbstverständlich nachkommen würden.
Hierbei würde das Konzept des «Informed Consent» vollends ad absurdum geführt: Gefragt wird nach nicht weniger als einer Blanko-Vollmacht. Denn niemand kann vorhersehen, welche zukünftigen Regierungen welche Gesetzesverschärfungen beschliessen werden, und welche Informationspflichten KFZ-Hersteller zukünftig erfüllen müssen. Da möchte ich derartige Spionage Soft- und Hardware garnicht erst in meinen Fahrzeugen haben.
Zum Glück ist das E-Call System, welches BMW in seine Töff einbaut, inzwischen noch(!) nicht Europa- oder Schweizweit verpflichtend. So fand ich das Schlupfloch, welches vermutlich in Kürze geschlossen werden dürfte, in Ziffer 1.5 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu den «ConnectedServices» (
Revisionsdatum: Oktober 2023; Version Release 12/23).
Der Erheiterung halber als Vollzitat:
Der Kunde kann die im Motorrad verbaute SIM-Karte jederzeit von einem BMW Vertragshändler, einer BMW Niederlassung oder einer BMW Vertragswerkstatt deaktivieren lassen. Mit der Deaktivierung der SIM-Karte werden alle Dienste deaktiviert.
Wünscht der Kunde eine solche Deaktivierung der SIM-Karte vor der Übergabe des Neumotorrad, wird dies als Rücktritt von dem abgeschlossenen BMW ConnectedRide Vertrag aufgefasst.
Um das hier abzukürzen:
Darauf habe ich mich in einem Zusatz vor Unterschrift des Kaufvertrags berufen. Und damit den Service-Technikern von BMW Schweiz bis hin zu BMW München ein paar Schweissperlen auf ihren Stirnen beschert: es war anscheinend nicht trivial, eine Software Version zu finden, welche die von mir gewünsche Reduktion des Funktionsumfangs ohne unerwünschte Nebenwirkungen unterstützt …
Das Ende vom Lied: das «Telematik-Modul» mit integrierter E-SIM und GPS-Empfänger wurde vollständig aus dem Töff entfernt und mir separat(!) als Original-Bestandteil übergeben. Damit kann ich noch lange leben 😜 Und evtl. zukünftig verschärfte Datenherausgabebestimmungen entspannt abwettern. Denn wo keine Daten erfasst werden können, mangels entsprechender Hardware, da können auch keine Daten herausgerückt werden. Und Datensparsamkeit ist schliesslich auch eine Form von Purismus!
Langsam pressieren!
Bei der Übergabe des Töff legte mir der Verkäufer noch ans Herz, auf den ersten Kilometern wegen der nagelneuen Reifen und der noch nicht eingefahrenen Bremsbeläge «langsam [zu] pressieren» – das fand ich lustig, aber im Grunde sehr tiefsinnig.
„Langsam pressieren“ (oder oft auch „äs pressiert langsam“) ist eine im alemannischen Raum, der Schweiz und Teilen Süddeutschlands geläufige Redewendung. Sie bedeutet paradoxerweise: Wir müssen uns jetzt beeilen, aber bitte mit Ruhe und Übersicht, um keine Fehler zu machen. Das Wort pressieren stammt vom französischen presser (drängen, eilig sein) ab.
Auf meinem gesamten Heimweg einschliesslich dem unvermeidlichen Umweg über die Schwägalp habe ich mich jedenfalls daran gehalten 😇.
Ab jetzt werde ich gerne über geplante und durchgeführte Modifikationen und Untersuchungen berichten, so wie sie anfallen. Stay tuned!