300 km/h !?

Derzeit macht die Ducati Streetfighter V4S in den einschlägigen Biker-Foren Furore. Vier Zylinder in V-Form, 1100 ccm, 208 PS, 123 Nm.

Ducati Streetfighter V4S
Bild: ducati.com

Ich möchte jetzt mal die Fragen beiseite schieben, wie sinnvoll eine derartige «Kampfmaschine» auf öffentlichen Straßen ist. Und auch die Frage, ob, wo oder wann man jemals 300 km/h auf öffentlichen Straßen würde fahren können. Und ebenso die, ob es klug ist, einen derartigen «Ego-Booster» (Zitat: Ducati) in die Hände von Personen zu geben, die das Bedürfnis verspüren, ihrem Ego per Gasgriff einen «Boost» zu verpassen. Auch wenn ich eine Meinung dazu habe. Und Unvernunft fängt ja nicht erst genau jenseits der Marke an, die mein eigenes Bike vorweist. Also lasse ich das.

Dabei wäre die Streetfighter V4S noch nicht einmal das erste Serien-Bike, welches die 300 km/h Marke knacken würde. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Suzuki Hayabusa 1300, der diese Ehre gebührt. Nur war die Hayabusa eine vollverkleidete Reisemaschine, während die Streetfighter V4S immerhin noch ein klein Wenig von einer Vollverkleidung trennt. Die Positionierung als «Naked»-Bike würde ich bei der Streetfighter trotzdem nicht vorbehaltlos unterschreiben.

Ducati Streetfighter V4S Frontansicht mit Winglets. Höchstgeschwindigkeit?
Bild: ducati.com. Sieht so ein Naked-Bike aus?

In einem Biker-Forum wurde schließlich die Frage aufgeworfen, ob «Sie» es denn schaffen könnte, die 300 km/h Marke zu knacken. Unterfüttert mit einem Screenshot aus einem YouTube Video, welcher die Zahl «297» zeigte. Wir wissen natürlich nicht, wie das Video entstanden ist, aber mein klinisch-technisches Interesse war geweckt. Bezüglich der Antwort auf diese Frage bin ich persönlich leidenschaftslos – die Streetfighter V4S lässt mich völlig kalt. Allerdings scheint es in Testosteron-geschwängerten Biker-Foren eine eindeutige Präferenz zugunsten einer positiven Antwort zu geben.

Die Mehrzahl der entsprechend gepolten Forenten will einfach, daß die Streetfighter «es» schafft. Und so werden Posts, die dies bejahen, großzügig ge-«like»-d, während kritische Posts ge-diss-t werden. Der reinste Kindergarten.

Ich beobachte an mir selbst, daß ich immer wieder auf die Fehlannahme herein falle, daß in derartigen Foren ein echter Wissens- und Informationsaustausch gesucht und geboten würde. Aber immer mehr, wenn auch schmerzhaft langsam, komme ich zu der Überzeugung, daß tatsächlich in derartigen Foren vor Allem Leute aufeinander treffen, die ihre bereits vorgefasste Meinung lediglich bestätigt haben wollen, und keine gegenteiligen Indizien gelten lassen. «Kontrafaktisch» ist der neu-deutsche Ausdruck dafür.

In so einer Gemengelage komme ich als Fakten-orientierte Spaßbremse natürlich wie gerufen. 😉

Ich habe also in einem dieser Foren darauf hingewiesen, das am Hinterrad von Ducati-Motorrädern typisch rund 10% weniger PS ankommen, als vom vollmundigen Ducati-Marketing beworben wird. Das wären höchstens 186 PS. In einem der ersten Tests einer namhaften Motorradzeitschrift wurden der Streetfighter sogar nur 182 PS am Hinterrad bescheinigt. Das ist das Eine.

Dann hatte ich für die Monster 1200S (145 PS an der Kurbelwelle, lt. Ducati) bereits einmal ein Interaktives Zugkraft-Diagramm erstellt, in dem ich auch eine Fahrwiderstands-Simulation einbezogen hatte. Die Zugkraft nimmt mit steigender Geschwindigkeit ab, der Fahrwiderstand zu. irgendwann schneiden sich die beiden Kurven. Und zwar nicht wirklich irgendwann, sondern genau bei der Geschwindigkeit, bei der die Zugkraft gleich dem Fahrwiderstand ist.

Interaktiver Zugkraft Simulator; Ducati Monster 1200S; Leistungsbedarf für 300 km/h
Zugkraft rot, Fahrwiderstand violett; Höchstgeschwindigkeit im blauen Kreis, bei 255 km/h

Bei höheren Geschwindigkeiten trägt der Strömungswiderstand entscheidend zum gesamten Fahrwiderstand bei. Die Monster 1200S wird mit einer Höchstgeschwindigkeit von 255 km/h beworben. Ob das stimmt, habe ich nie ausprobiert. Nehmen wir an, Ducati hat hier korrekt beworben.

Angenommen, man wolle die Monster 1200S auf 300 km/h hochprügeln. Dann benötigte man, bei gleichen Annahmen für das Produkt aus Stirnfläche und Cw-Wert wie bei der Monster 1200S, eine Leistung am Hinterrad(!), graue Hyperbel konstanten Leistungsbedarfs, von 210 PS, schwarzer Kreis im obigen Diagramm.

Die entscheidende Frage ist: darf man diese Betrachtung auf die Streetfighter V4S übertragen?

Wir vergessen einmal für einen Moment, daß die Serien-Streetfighter für das Erreichen der 300 km/h Marke eine Drehzahl erreichen müsste, die bereits tief in ihrem roten Bereich läge. Wir vergessen auch einmal, daß diese Drehzahl bereits weit jenseits der Drehzahl maximaler Leistungsabgabe der Streetfighter liegt. Letzteres könnte man ggf. durch Variation der Sekundärübersetzung «passend» machen.

Die übrige Physik ist für beide Bikes zweifellos die Gleiche.

Die Luftdichte und Ziel-Geschwindigkeit ebenfalls. Aber was ist mit dem Produkt aus Stirnfläche mal Widerstandsbeiwert «Cw»?

Diejenigen, die sie bereits gesehen haben, beschreiben die Stirnfläche der Streetfighter als «mächtig». Das klingt nach «mehr» als bei der Monster 1200S.

Andererseits weist die Streetfighter V4S etliche Anzeichen einer aerodynamischen Optimierung auf, siehe Stirnansicht weiter oben. Auch die Unterverkleidung der Auspuffanlage fällt durch große, glatte Flächen auf. Und dann noch die «Winglets»: Wenn man deren Abtrieb bei theoretischen 300 km/h als gegeben annimmt, muss man auch deren Widerstand in Kauf nehmen, denn in der Physik kriegt man nichts geschenkt. Bei einem wohlwollend mit 0,1 angenommenen Widerstandsbeiwert der Winglets hat man es mit einem Leistungsbedarf alleine für die Überwindung dieses Widerstands von rund 4 PS (bei 300 km/h) zu tun.

Also: ich bleibe insgesamt skeptisch. Ich glaube nicht, das die Streetfighter echte 300 km/h schafft. Die allmählich eintrudelnden Tests der diversen Motorrad-Zeitschriften werden Aufschluss liefern. Und ich werde meine Prognose nicht nachträglich korrigieren – versprochen!

5 Gedanken zu „300 km/h !?“

  1. Aus https://www.moto.ch/erster-test-ducati-streetfighter-v4-s/
    «Neben dem vollen Programm an Assistenzsystemen, namentlich den jüngsten Entwicklungsstufen von Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Bremsdrift-, Wheelie- und Motorbremskontrolle, Launch Control und bidirektionalem Quickshifter, wurden neue Mappings des Ride-by-Wire implementiert. Letztere sind so ausgelegt, dass bei konstanten Kurvendurchfahrten, wo das Bike naturgemäss leicht beschleunigen würde, am Gasgriff nicht laufend korrigiert werden muss, was mehr Ruhe bringt. Ferner wird in den unteren Gangstufen beim harten Beschleunigen nicht das volle Drehmoment freigesetzt, sodass sich die Streetfighter leichter kontrollieren lässt. Weitere Vorteile hiervon sind eine sanftere Ansprache sowie eine bessere Kontrolle bei allfälligem Gripverlust.»

    Hier ist mir der Satz «bei konstanten Kurvendurchfahrten, wo das Bike naturgemäss leicht beschleunigen würde» aufgefallen: wie ist das ganz genau? Kann man das berechnen?

    1. Charles,ich möchte nicht versuchen zu interpretieren, was der Autor dieser Zeilen gemeint haben könnte. Wenn Kurvendurchfahrten als «konstant» bezeichnet werden, könnte es sich entweder um konstantes Tempo handeln (auf dem Tacho abzulesen), oder um konstante Schräglage, welche eine konstante Winkelgeschwindigkeit implizieren würde. Sollte der Autor an einen variablen Kurvenradius und konstante Schräglage gedacht haben, müsste noch unterschieden werden ob die Kurve auf- oder zumacht. Wie auch immer, bitte ich Dich, dies mit dem Autor Deines Zitats zu diskutieren. Ich bin nämlich ziemlich schlecht im Raten.

      1. Hi Chris
        Mit dem Autor kann ich das nicht ausdirskutieren, da ich den nicht kenne.
        Aber ich interpretiere mal frei und definiere «konstant» als konstantes Tempo laut Tacho.
        Durch die Schräglage bewegt sich der Kopf des Fahrers auf einem kleinere Radius, was einem evtl. langsamer vorkommt; sowas kompensiert das Bike automatisch…
        Dasselbe kann man auch andersrum sehen. Der Kopf (und damit das Empfinden von Geschwindigkeit) bewegt sich «konstant», dazu müssen die Räder bei Schräglage schneller drehen, weil sie einen grösseren Radius abfahren…

        1. Charles, der Autor des von Dir verlinkten Artikels, Daniele Carrozza, publiziert anscheinend über LinkedIn, Instagram, Twitter, Moto.ch und Facebook. Ich kann das nicht überprüfen, weil ich derartige Konten nicht führe. Einfach einmal seinen Namen in Google eingeben. Über Moto.ch wünscht er anscheinend nicht kontaktiert zu werden. So what.
          Ich kann und möchte nicht darüber spekulieren, was sich Herr Carrozza möglicherweise bei seinem Satz gedacht hat. Bitte frage ihn selbst.

        2. Ich habe eine Erklärung zu dem Problem bei konstanten Kurvenfahrten. Es wird recht anschaulich erklärt in folgendem Video:
          https://www.youtube.com/watch?v=QPEADA__5uk
          ab ca. 2:10 Min. erklärt Alberto das Phänomen.
          Es scheint jedoch genau andersrum zu sein, als in meiner Frage erwähnt aber allemal sehr interessant 😉

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