{"id":139,"date":"2019-01-21T21:30:27","date_gmt":"2019-01-21T20:30:27","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/?p=139"},"modified":"2019-02-04T19:50:20","modified_gmt":"2019-02-04T18:50:20","slug":"ural-fahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/?p=139","title":{"rendered":"Gespann fahren"},"content":{"rendered":"\n<p>Bei der \u00dcberf\u00fchrungsfahrt vom H\u00e4ndler nach Hause anfang Dezember war es schon nicht zu ignorieren: Kurvenfahrten mit einem Gespann sind erstaunlich kraftaufw\u00e4ndig. Nach bisher \u00fcber 300.000km auf zwei R\u00e4dern war das eine echte \u00dcberraschung. Da musste ich in den vergangenen Tagen noch st\u00e4ndig dr\u00fcber nachdenken.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Einen ersten Hinweis auf die technischen Hintergr\u00fcnde bekam ich, als ich mich erinnerte, wie ich in jungen Jahren gelegentlich ein Fahrrad zu Fu\u00df oder sogar auf einem anderen Fahrrad fahrend aus nur am Sattel haltend f\u00fchren konnte, selbst in Kurvenfahrt, ohne den Lenker des gef\u00fchrten Fahrads auch nur zu ber\u00fchren. Alleine durch passende Schr\u00e4glage bewegt sich der Lenker ganz von alleine in Richtung der Kurve, in die sich das Zweirad neigt. So funktioniert ja auch das Freih\u00e4ndig-Fahren, egal ob auf dem Fahrrad oder auf dem Motorrad. Oder, was jeder Biker wohl schon beobachtet haben d\u00fcrfte: wenn man seine Mopete auf den Seitenst\u00e4nder abstellt, i.d.R. auf der linken Seite, dann schwingt der Lenker <strong><em>immer<\/em><\/strong> zu der Seite, auf der sich der Seitenst\u00e4nder befindet. Ich hatte als Unterschied zwischen Gespann und Einspurfahrzeugen recht bald den Zusammenhang zwischen fehlender Schr\u00e4glage beim Gespann und dem Nachlauf in Verdacht, konnte das aber eine ganze Zeit lang nicht richtig artikulieren.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute.&nbsp; \ud83d\ude0e<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat mit der <strong><em>Fliehkraft<\/em><\/strong> zu tun, welche beim Einspurfahrzeug durch die <strong><em>Schr\u00e4glage<\/em><\/strong> aufgefangen wird, und so kein Moment um die Lenkachse bewirken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Gespann gibt es aber keine Schr\u00e4glage, und die Fliehkraft muss anteilig \u00fcber die Seitenf\u00fchrungskr\u00e4fte der drei <strong><em>aufrecht stehenden<\/em><\/strong> R\u00e4der aufgefangen werden. Beim <strong><em>aufrecht stehenden<\/em><\/strong> Vorderrad bewirkt diese wegen des Nachlaufs ein Moment um die Lenkachse. F\u00fcr die Ural cT (mit Teleskopgabel) stellt sich das wie folgt dar (alle Ma\u00dfe selbst ermittelt &#8211; es geht zun\u00e4chst nur ums Prinzip):<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"954\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.16.01-954x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-550\" srcset=\"https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.16.01-954x1024.png 954w, https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.16.01-279x300.png 279w, https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.16.01-768x825.png 768w, https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.16.01.png 1195w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption>Fahrwerksgeometrie bei der Ural cT mit Teleskopgabel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Lenkachse: rot eingezeichnet<\/li><li>Gabelbr\u00fcckenversatz: 40mm<\/li><li>Radradius: 322mm. (aus Reifendimension 4.00-18)<\/li><li>Lenkkopfwinkel: 59\u00b0<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Damit ergibt sich der <strong>Nachlauf<\/strong> zu 146,8mm, und der <strong>projizierte Nachlauf <\/strong>(der effektive Hebelarm senkrecht zur Lenkachse) zu 124,3mm. Hier noch eine \u00e4hnliche Skizze, auf das wesentliche reduziert:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"926\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.24.09-926x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-551\" srcset=\"https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.24.09-926x1024.png 926w, https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.24.09-271x300.png 271w, https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.24.09-768x849.png 768w, https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Bildschirmfoto-2019-01-21-um-21.24.09.png 1035w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption>Lenkachse(rot) und effektiver Hebelarm (blau)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Seitenf\u00fchrungskraft im Radaufstandspunkt wirkt senkrecht zur Zeichnungsebene. Sie bewirkt \u00fcber den Hebelarm (blau) ein Moment bez\u00fcglich der Lenkachse (rot). Bleibt noch die Frage, wie stark die Kraft und das resultierende Moment tats\u00e4chlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Spoiler<\/em><\/strong>: bei einer Kurvenfahrt, f\u00fcr die man auf einem Einspurfahrzeug eine Schr\u00e4glage von 30\u00b0 fahren w\u00fcrde, muss man \u00fcber den Lenker der Ural cT ein Haltemoment von absolut erstaunlichen <strong><em>116Nm<\/em><\/strong> aufbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das bringt einen zwar nicht um, aber dieses Moment muss in <strong><em>jeder<\/em><\/strong> Kurve \u00fcber den Lenker gehalten werden. Ich sehe schon, da\u00df eine Passfahrt richtig in Arbeit ausarten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie komme ich auf den Wert 116Nm? Da verweise ich an dieser Stelle auf meinen Beitrag zum Thema <a href=\"https:\/\/vielzutun.ch\/wordpress\/?p=576\">Schr\u00e4glage<\/a>. Dort rechne ich vor, dass die halbe Tonne Gesamtgewicht der Ural cT (inklusive ausger\u00fcstetem Fahrer) bei einer Kurvenfahrt, f\u00fcr die man auf einem Zweirad 30\u00b0 Schr\u00e4glage ben\u00f6tigen w\u00fcrde, eine Zentrifugalkraft von rund 2800N hervorrufen w\u00fcrde. Das ist die Kraft, die man aufbringen m\u00fcsste um ein 285kg schweres Gewicht senkrecht hochzuziehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einfachheit halber verteile ich die Fliehkraft von 2800N gleichm\u00e4ssig auf die drei R\u00e4der der Ural. Damit enf\u00e4llt auf das Vorderrad eine anteilige Seitenf\u00fchrungskraft von 933N, welche am <strong><em>projizierten Nachlauf<\/em><\/strong> von 124,3mm (siehe zweite Skizze oben, blau) ein Moment bez\u00fcglich der Lenkachse von 116Nm verursacht. Voil\u00e0!<\/p>\n\n\n\n<p>Testweise experimentiere ich mit einen kraftsparenden Fahrstil: und zwar lehne ich mich mit dem Oberk\u00f6rper zur Kurveninnenseite, und st\u00fctze mich dann mit dem gestreckten Arm am kurven\u00e4usseren Lenkerende ab. Der kurveninnere Arm ist dabei weitgehend entspannt. Den nehme ich nur f\u00fcr evtl. Korrekturen der Linie hinzu.  So unterst\u00fctzt mich die auf den Oberk\u00f6rper wirkende Fliehkraft beim Aufbringen des Lenkmoments.  Das scheint weniger anstrengend zu sein als st\u00e4ndig am kurveninneren Lenkerende zu ziehen. Mal schauen, wie sich das bei schnelleren Kurvenwechseln oder auf l\u00e4ngeren Strecken bew\u00e4hrt &#8211; ich werde berichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der \u00dcberf\u00fchrungsfahrt vom H\u00e4ndler nach Hause anfang Dezember war es schon nicht zu ignorieren: Kurvenfahrten mit einem Gespann sind erstaunlich kraftaufw\u00e4ndig. 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